ÜBER ÜBERSETZUNG

Gerhard Meier: Du bist doch Übersetzer!

In dieser Folge, in der ich mit Literaturübersetzern Fragen zur Übersetzung stellen, hat mir Gerhard Meier diese Woche geantwortet.
Er übersetzt literarische Werke aus dem Türkischen und Französischen ins Deutsche, unter anderem von Orhan Pamuk, Zülfü Livaneli, Amin Maalouf, Henri Troyat und Sait Faik. 2014 erhielt er für sein Gesamtwerk den Paul-Celan-Preis.
Er beantwortete meine Fragen in Form einer Geschichte. Ich hoffe es wird euch genauso gut gefallen wie mir.
Übersetzt ins Türkische von Nazlı Çiğdem Sağdıç Pilcz .

Du bist doch Übersetzer, das musst du doch übersetzen können!

Diesen Satz bekomme ich manchmal zu hören, wenn es etwa darum geht, ein Wort aus einer Speisekarte zu übersetzen,mein Gott, ein Wort, ein winziges Wörtchen, das dürfte doch wirklich nicht schwer sein! Nein, fällt dir nicht ein? Und so was will ganze Bücher übersetzen?

Dazu erst mal eines: Leute, ich bin Übersetzer, nicht Dolmetscher. Wenn ich etwas spontan übersetzen soll, rausgerissen aus meiner Übersetzerklause, fällt mir grundsätzlich nichts ein. Grundsätzlich nicht. Darum sitze ich ja lieber in freiwilliger Quarantäne, denn dort kann ich in Ruhe nachdenken.

Doch selbst wenn ich Zeit habe, gilt immer noch: Je kürzer, umso schwieriger. Ein Buch? Machen wir! Ein Satz? Oha, das ist jetzt aber nicht so einfach. Ein Wort? So gut wie unmöglich.

Nun ja, nicht ganz unmöglich. Es gibt schon hin und wieder ein Wort, das sich einigermaßen übersetzen lässt.

„Unutmak“ zum Beispiel heißt, glaube ich, „vergessen“. Oder so ähnlich.

Und „ev“ heißt „Haus“. Klare Sache. Oder nein: „Wohnung“.1„Heim2“?

Wie oft habe ich schon an Textstellen gesessen, in denen jemand in seinem „ev“ war und ich mir überlegen musste, ob jetzt eine Wohnung plausibler wäre oder ein Häuschen mit Garten. Oder ich habe gewürfelt, welches Geschlecht ich dem/der „öğretmenim“ verpassen soll. Ganz zu schweigen von Wörtern wie „uğultu“. Braust die Stadt? Saust, brummt, dröhnt sie?

Im Türkischen gibt sie immer dieses ominöse „uğultu“ von sich, auf das ich beim Übersetzen vergeblich lausche.

Wie aber im wirklichen Leben so gut wie niemand einfach nur einzelne Wörter wie „Ev!“ oder „Uğultu!“ vor sich hinruft, sondern diese in Sätze und diese wiederum in ein Gespräch einbindet, so übersetze ich zum Glück keine Wörter und auch keine Sätze, sondern Texte.

Und innerhalb dieser Texte kann ein Wortspiel, das für sich genommen („Übersetz das doch, du bist doch Übersetzer!“, „unübersetzbar“ wäre, durch ein anderes Wortspiel ersetzt werden, das innerhalb des Textes wunderbar die gleiche Funktion übernimmt. Und der Übersetzer ist gerettet.

Es sei denn, er sitzt in einem Restaurant vor einer Speisekarte, und dann heißt es ...

1 "Apartman dairesi" auf Türkisch.

2 "Yuva" auf Türkisch.

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